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Häftlinge haben keine Lobby

Koblenz

22. Koblenzer Aids- und Hepatitis-Forum beleuchtet auch Medizin im Knast   

KOBLENZ. Bis zum Jahr 2030 will die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die weltweite HIV-Epidemie stoppen – und es scheint möglich. Dafür muss ausreichend diagnostiziert, behandelt und dann die Viruslast bei allen Infizierten unter die Nachweisgrenze gebracht werden. Wie es um die Umsetzung dieser Ziele in Deutschland und Europa bestellt ist, war Thema des diesjährigen 22. Koblenzer Aids- und Hepatitisforums. „Ist der Virus nicht nachweisbar, ist auch keine HIV-Übertragung möglich“, erklärte Chefarzt Dr. Ansgar Rieke, Leiter der Immunologischen Ambulanz des Gemeinschaftsklinikums Mittelrhein, Kemperhof und Mitinitiator des Forums. Im Gegensatz zu HIV ist Hepatitis C heute schon heilbar mit modernen aber teuren Medikamenten, die sehr gut verträglich sind. Prof. Dr. Johannes Vermehren von der Universitätsklinik Frankfurt stellte den rund 200 Teilnehmern Leitlinien und Therapiekonzepte vor. Das Immunsystem spielt nicht nur bei HIV und Hepatitis eine Rolle, sondern ist mit Immuncheckpoint- Blockern auch ein neuer Bestanteil der Tumortherapie: Durch Zerstörung der schützenden Tarnkappe eines Tumors können Immunzellen durch diese neuen Therapien in den Tumor hineinwandern und ihn von innen zerstören helfen, wie Dr. Damian Rieke von der Onkologie der Charité aus Berlin mit Prof. Dr. Jens Chemnitz, Chefarzt im Ev. Stift St. Martin, ausführten.

Joe Bausch erzählte unterhaltsam von seiner Arbeit als Arzt im Gefängnis.

Spannend und unterhaltsam ging es weiter, als Joe Bausch Einsicht in die täglichen Herausforderungen eines Mediziners im Gefängnis gab. Er ist Arzt im JVA-Vollzug in Werl und bekannt durch seine Auftritte in  Kölner-Tatorten als Pathologe Dr. Roth. Warum das Thema „Medizin im Knast“? „Weil Haft ein wesentlicher Risikofaktor für eine Infektion von HIV oder Hepatitis C ist und laut Schätzungen ein Drittel aller Drogenabhängigen in Haft sind“, so Rieke. Man solle also den Knast zur Behandlung und Heilung von Hepatitis C nutzen. Aber: Die Behandlung einer Hepatitis-Erkrankung kostet rund 40.000 - 70.000 Euro. Bezahlt wird diese vom Staat, denn der Krankenversicherungsschutz endet bei Eintritt ins Gefängnis. „Das sind unsere teuersten Patienten“, bestätigte Joe Bausch. „Klar überlegt man da wen man nimmt, aber die werden alle ordentlich behandelt und fertig.“ Das kann er mit seiner langjährigen Erfahrung und einem ungewöhnlich dicken Fell auch verantworten und meinte salopp: „Den Arsch muss man schon in der Hose haben.“ Aber wer macht diese Arbeit? Es gibt zu wenig Substitutionsärzte, also Ärzte die Drogenabhängige behandeln. Die Auseinander¬setzungen wegen der Kostenübernahme spielen dabei eine große Rolle.

 Bei der Podiumsdiskussion wurde Justizminister Herbert Mertin (3. von links) von Dr. Ansgar Rieke (links) zu der medizinischen Kostenübernahme im Strafvollzug befragt.

 

„Wir finden in Rheinland-Pfalz kaum jemanden, der diese Arbeit machen will“, erklärt Dr. Astrid Weber, Ärztliche Leiterin der Suchtkommission der KV Rheinland-Pfalz und Ärztin für Innere Medizin, Psychotherapie und Suchtmedizin in Koblenz in der Podiumsdiskussion, die unter der Überschrift „Public Health gleich Prison Health?“ stand. „Wir suchen händeringend Ärzte“, bestätigt auch Landesjustizminister Herbert Mertin. Auf Fragen zur Kostenübernahme ließ er sich nicht groß ein. „Koste es, was es wolle, es muss medizinisch indiziert sein, dann zahlt das Land“, sagte er. Dr. Rieke forderte ein Überdenken dieser Regelung, da dies zu einer Unterbehandlung führe. „Wir müssen strukturell etwas ändern, um die Kostenübernahme für die Inhaftierten zu klären. Die haben keine Lobby, die das einfordern kann!“ Er fordert Rabattverhandlungen der Länder mit Pharmafirmen, um die Situation des Knasts zur Behandlung und Heilung von Hepatitis C zu nutzen. „Kein Patient wird bei uns zurückgenommen. Zu teuer gibt es nicht“, entgegnete Dr. Albert J. Heuser, Leitender Arzt im Justizvollzugskrankenhaus Wittlich. Allerdings müsse die Entscheidung, wer behandelt wird, gut durchdacht sein. Ein Praxisbeispiel: Bastian Hoffmann, er lebt momentan im Maßregelvollzug in der Klinik Nette-Gut in Weißenthurm, ist seit zwölf Jahren HIV-positiv. „Mein größtes Problem war die Unwissenheit, wer mich wie behandelt. Drei Monate hat es gedauert, bis entschieden wurde, dass ich behandelt werde. Ich bin froh, dass es mir ermöglicht wurde!“ Gleichzeitig weist er aber auch auf die hohe Dunkelziffer an HIV-Infizierten hin. „Man wird ja nur getestet, wenn man seine Zustimmung gibt“, das macht ihm zu schaffen. Klaus Hamburger, Gefängnisseelsorger in Koblenz, appelliert: „Das Denken von der anderen Seite her ist unsere erste Bürgerpflicht. Wir müssen uns in diese Menschen rein versetzen, das gilt im Gefängnis genauso wie im Krankenhaus und in der Nachbarschaft.“

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